Alfred Hrdlicka
Der Schreibtischmörder und die Französische Revolution –
ein Radierzyklus mit 34 Blättern und zwei Bronzeskulpturen.

Ausstellungsdauer: 11. September – 5. Dezember 2019.
Vernissage: Dienstag 10. September 2019, 19:00 Uhr.

Als junger Mensch scheint der Bildhauer Hrdlicka ein gut aussehender und ungewöhnlich starker Mann gewesen zu sein, das vermitteln uns Fotos aus den 50er Jahren. Von den Anfängen seiner künstlerischen Tätigkeit bis ins hohe Alter war er klassischen Vorbildern wie Michelangelo oder Rodin verpflichtet. Parallel zur konsequenten Verbesserung seiner Fähigkeiten als genialer Bildhauer verstand er es, seine Qualitäten als Zeichner ständig auf den „Prüfstand“ zu stellen und zu höchster Anerkennung zu gelangen. Das beweist sein Radierzyklus „Die Französische Revolution“, die zum 200. Jubiläum der französischen Revolution erschienen ist und die wir hier in Singen glücklicherweise ausstellen dürfen. Hrdlicka kritisierte bissig unser sozial-politisches System und unsere demokratischen Strukturen, im Zentrum seines Interesses stand der Mensch und was der Mensch dem Menschen antun kann. Unter diesen Prämissen entstand auch die oben erwähnte Mappe, bestehend aus 34 ausdrucksvollen Radierungen, die das Für und Wider einer Revolution zum Thema haben. Er beschreibt in seinem expressiven-figürlichen Stil Abgründe und Brutalitäten. Auch unter einer Revolution leidet die Zivilbevölkerung endlos, sie wird zu Tode gequält und erschlagen, die Menschheit wird von ihrem größten und selbst initiierten Gegner, dem Krieg, in die Hölle oder ein Inferno geschickt.

Um Alfred Hrdlicka (27.02.1928 – 5.12.2009) zu verstehen, hilft vielleicht sein Bilderzyklus „Plötzenseer Totentanz“, der im Evangelischen Gemeindezentrum nahe der gleichnamigen Gedenkstätte am Heckerndamm 226 in 13627 Berlin zu sehen ist. Plötzensee war die zentrale Hinrichtungsstätte des Vollstreckungsbezirkes IV und befand sich direkt im Strafgefängnis. Von 1933 bis 1945 wurden hier 2.891 Todesurteile vollstreckt. Die Hälfte dieser ermordeten Menschen waren nichtdeutscher Herkunft. Unter ihnen 300 Frauen und 100 Kriegsdienstverweigerer der Zeugen Jehovas. Das von 1968 bis 1972 entstandene Werk „Plötzenseer Totentanz“ besteht aus 12 Tafelgemälden à 3,50 x 0,99 Metern. Die Grundlage dazu waren 27 Zeichnungen, welche in einer mutigen „Mixed Media“ Technik, bestehend aus Zeichenkohle, Bleistift, Tusche, Deckweiß und Rötelkreide, verwendet wurden.

Die Bedrohung der Menschheit durch ihre eigens hervorgebrachten Bestien, die Gewalttäter, die innerlich und seelisch verarmt sind, diese ständig latent vorhandene Bedrohung mittels Hass, Gewalt, Denunziation, übler Nachrede, Macht und Willkür war für Hrdlicka das zentrale schöpferische Thema. Die in der Hegau Bodensee Galerie gezeigten Radierungen können selbstverständlich unter diesem Aspekt studiert und betrachtet werden.

Autor: Martin Burkart, Quellen: Galerie Hilger Wien/ Zeitung Merkur/ Wikipedia/ Pfarrer Michael Maillard, Berlin